Urfa

Urfa Vergrößern...

vom 13.11.2014

Marcel gerät durch sein unkontrolliertes Verhalten in Konflikt mit einer Gruppe von Jugendlichen. Von seinem Bruder, den er nur 'der Penner' nennt, kann er keine Unterstützung erwarten. Es gelingt ihm, seinen Mitschüler Tayfun auf seine Seite zu ziehen. Als er sich aber in Tayfuns Schwester Yasemin verliebt, lernt er das Verantwortungsbewusstsein türkischer Brüder für seine Schwestern kennen. Ein Kampf um Respekt und Anerkennung beginnt.

ISBN 978-3-7375-1712-6

Verlag: epubli



Leseprobe

Was ist das nur für ein Problem? Ob Jungfrau oder nicht, war mir bisher scheißegal. Aber kaum sagt einer Jungfrau, fangen alle an zu spinnen.  

Nach dem ersten Sex ist die Frau keine Jungfrau mehr. Ist klar.

Wenn es ihr gefallen hat, macht sie es wieder.

Und immer wieder.

Wenn eine Frau es mit jedem treibt, ist sie eine Schlampe.

Wenn man ganz sicher sein will, dass sie keine Schlampe ist, muss man eine Jungfrau nehmen.

Wenn man sich dann von ihr trennt, ist sie auch keine Jungfrau mehr. Aber dann ist sie doch noch lange keine Schlampe. Man soll es an dem Blut merken, ob sie schon mal Sex hatte. Keine Ahnung, wie das geht. Ob es dabei blutet oder erst hinterher? Hört sich irgendwie eklig an. Aber wieso sind dann alle so scharf darauf? Vielleicht ist es einfach gut zu wissen, dass man der Erste ist bei einer Frau. Dass da noch keiner vorher war. Sonst wird man noch verglichen mit dem, der vorher da war. Vielleicht war der andere besser oder größer oder er konnte es länger. Da war mal eine Tussi im Fernsehen, die hat gesagt, dass sie es nicht unter 18 Zentimetern machen würde. 18 Zentimeter! Wer kommt denn auf 18 Zentimeter?

Mir bricht der Schweiß aus.

In der Schule haben sie gesagt, dass es keine Rolle spielt, wie groß das Ding ist, weil die Frau sich anpasst. Echt? Kann man das glauben? Von 18 Zentimetern haben sie nichts gesagt. Irgendwo muss hier ein Lineal sein. Wie viel sind 18 Zentimeter? Ach du Scheiße.

In Bio hat der Typ neulich ein Kondom vorgeführt. Das war vielleicht groß. Wir haben in der Pause Wasser reingefüllt! Aber hallo!

Hilfe mein Schwanz. Jetzt verkrümelt sich das Ding noch mehr.

Als ich klein war, war ich darauf ziemlich stolz. Da hieß er noch Pullermann. Ich hab damit rumgespielt und mich gefreut, dass nicht alle so was hatten. Aber jetzt auf einmal. Nichts als Ärger.

Ich muss hier raus, sonst werde ich noch verrückt. Mist. Es regnet. Und dieser Scheiß Wind. Ich stelle mich in den Eingang zum Bahnhof. Hier drin ist es auch ungemütlich, aber man wird wenigstens nicht noch mehr nass. Lauter Frauen warten auf den Bus. Bestimmt sind es Kassiererinnen aus den Supermärkten rund rum. Sie haben jetzt Feierabend. Zwei stecken die Köpfe zusammen. Reden leise und kichern. Die eine wird rot im Gesicht. Bestimmt reden sie über ihre Männer. Ich versuche, nicht hinzugucken. Was, wenn Yasemin auch über mich so redet? Mit Yvonne. Und dann kichert? Ach Quatsch, das macht sie nicht.

„Was stehst du hier so allein in der Gegend rum?“

„Mensch Dieter. Ich wusste gar nicht, dass du noch so spät hier bist.“

„Ich geh immer abends noch mit Kurt raus. Geht’s dir gut?“

„Ich war mit Yasemin am Flughafen.“

„Auf der Tempelhofer Freiheit? Da will ich auch mal hin. Damit Kurt mal richtig rennen kann.“

„Ist super dort.“

„Und wieso siehst du dann so traurig aus?“

„Ich weiß nicht.“

„Du hast doch was.“

„Hm.“

„Komm, wir laufen ein Stück. Kurt muss sich bewegen.“

Ich nehme die Leine und der Hund geht ganz dicht an meiner Seite. Wahrscheinlich benutzt er mich gerade als Regenschirm. Wenigstens dazu bin ich gut genug. Als Regenschutz für einen Hund. Wir laufen über die große Kreuzung bis zum Park. Dieter macht die Leine ab. Kurt rast sofort los.

„Manchmal  ist eine Hündin im Park unterwegs. Dann ist er nicht zu halten“, sagt Dieter. „Diese Frauen. Sogar der Hund wird verrückt davon.“

Wir gehen in Richtung Gekläffe. Es wird langsam dunkel. Ich muss an Yasemin denken, wie sie plötzlich ganz anders war.

„Kann ich dich mal was fragen?“

„Hast du etwa auch ein Problem mit den Frauen?“, sagt Dieter und grinst mich an.

„Warum sind die Mädchen so empfindlich, wenn es um Jungfrauen geht?“

Er wickelt die Hundeleine um sein Handgelenk und wickelt sie wieder ab. Dann wickelt er sie noch mal rum. „Mann, du kannst Fragen stellen. Jungfrauen. Da war doch mal was.“

Hätte ich bloß nicht davon angefangen. „Ist schon gut“, sage ich, „tut mir Leid, dass ich gefragt habe.“

„Stimmt“, sagt er und bleibt stehen, „sie sind heute viel empfindlicher, wenn’s darum geht, ob eine Jungfrau ist oder nicht. Das war nicht immer so.“

„Was?“

„Zu meiner Zeit wollten die Frauen keine Jungfrau sein.“

„Nicht?“

„Sie haben sich sexuell befreit und waren ziemlich stolz darauf. Manche haben ihre BHs verbrannt oder sind nackt über den Kudamm gerannt.“

„Was?“

„Da ging es voll zur Sache.“

„Das glaub ich nicht.“

Dieter grinst mich an. „Kann ich mir vorstellen.“

Meine Mutter ….. ? Ach du Scheiße. Mir wird schlecht. Wie konnte ich nur mit diesem Thema anfangen? Dieter pfeift nach dem Hund. Sieht so aus, als würden wir hier noch eine Weile rum stehen. Kurt ist immer noch auf der Suche nach seiner Traumfrau.

„Früher hatten die Frauen Angst, schwanger zu werden, aber dann gab es die Pille. Das war schon gut. Auf einmal hatten sie eine große Freiheit. Das haben viele ausgenutzt. Die Männer auch. Klar! Jungfräulichkeit war kein Thema. Eher Erfahrung. Man machte möglichst viele Erfahrungen. Jungfräulich in die Ehe gehen, war spießig. Wir wollten auf jeden Fall alles anders machen als unsere Eltern. AIDS gab es noch nicht. Oder jedenfalls wusste man noch nichts davon. Erst später wurde bekannt, dass man sich beim Bumsen AIDS einhandeln konnte. Da war es auf einmal vorbei mit der großen Freiheit. Und dann die Moslems. Sex vor der Ehe geht bei ihnen nicht.“

„Tayfun sagt, dass es für alle gilt. Für Männer und Frauen. Kein Sex vor der Ehe.“

„Bloß bei den Männern kann man es nicht sehen, ob sie sich daran gehalten haben. Bei den Frauen schon.“

„Und das sind dann die Schlampen?“

„Red nicht so einen Scheiß.“ Dieter pfeift nach dem Hund. Scharrt mit seinem Fuß auf dem Boden rum. Pfeift wieder nach dem Hund.

„Es gibt auch noch die Liebe“, sagt er auf einmal, „vergiss das nicht.“ Er scharrt wieder auf dem Boden rum und guckt in Richtung Hund. Aber ich glaube, er hat den Kurt inzwischen vergessen.

„Und wieso reagiert Yasemin so komisch, wenn ich was von einer Jungfrau sage?“

„Du hast was?“

„Nur so im Spaß. Sie hat was davon erzählt, dass die Moslems sich schon auf die 72 Jungfrauen freuen, die im Paradies auf sie warten. Und ich hab gesagt: ich will nur eine. Aber ich hab nicht gemeint, dass sie unbedingt Jungfrau sein muss.“

„Das hast du sauber hingekriegt.“

„Kommt mir auch so vor.“

Dieter pfeift nach dem Hund. Irgendwo ganz hinten hört man Gekläffe. Kurt  hat anscheinend seine Freundin gefunden und fällt gerade über sie her.

„Was ist denn, wenn sie schon mal einen anderen hatte und merkt, dass er viel besser ist als ich. Beim Sex meine ich?“

Dieter haut mir auf die Schulter, dass es kracht. „Wer soll denn besser sein als du?“

„Hm, vielleicht ist meine Ausstattung nicht so gut wie die von anderen.“

„Du meinst XXS statt XXL?“

„Mann, verarsch mich nicht!“

„Gut! Also, …. Wie soll ich es sagen? Erstens bist du sowieso noch nicht ganz ausgewachsen. Zweitens ….“ Dieter scharrt schon wieder auf dem Boden rum. Pfeift nach Kurt.

„Mann! Was ist mit Zweitens?“

„Yasemin auch nicht.“

„Und?“

„Auf die Größe kommt es gar nicht an, sondern auf die Funktion.“

„Du meinst, wer am längsten kann?“

„Quatsch! Mit Leistung hat das nichts zu tun. Eher im Gegenteil.“

„Wer am kürzesten kann?“

„Du weißt schon, dass du gerade das Äußerste von mir forderst. Ich hab schon seit einer Weile keine Frau mehr und du stellst mir hier solche Fragen.“ Er scharrt weiter mit dem Fuß in dem Loch rum. Bald ist er in Australien.

„Tut mir Leid.“

„Also gut. Wenn genug Liebe dabei ist, brauchst du über die technischen Daten nicht nachzudenken. Da geht es nicht um Jungfrauen und irgendwelche blöden Vergleiche. Da kannst du gar nicht versagen.“

„Nicht?“

„Wahrscheinlich findet Yasemin das Gerede über Jungfrauen und Schlampen einfach nur blöd.“

„Aber sie darf keinen Sex vor der Ehe haben, weil sie Muslimin ist.“

„Vielleicht ist genau das ihr Problem. Vielleicht will sie gläubig sein und trotzdem selbst entscheiden, ob sie Sex hat oder nicht. So was gibt es auch bei uns. Die Katholiken fordern die Keuschheit und die Menschen halten sich nicht dran. Das ist auch ein Konflikt. Ich glaube, es gibt schlimmere Verbrechen, als mit einem Menschen Sex zu haben, den man liebt. Alles könnte so einfach sein. Jeder lässt den anderen in Ruhe und wenn zwei sich lieben, haben sie Sex oder auch nicht.“

„Hund müsste man sein. Aber ohne einen Menschen am Ende der Leine.“

„Stimmt. Lass uns den Hund einfangen.“

Wir finden ihn auf der großen Rasenfläche. Er tobt mit einer Cocker Hündin durch den Park wie ein Irrer. Ich bin voll abgemeldet. Nicht mal mehr als Regenschutz zu gebrauchen. So ist das also. Dieter redet mit der Frau, die zu dem Cocker gehört. Ich mache mich davon.

Es ist dunkel inzwischen und der Regen hat aufgehört. Ich gehe allein durch den Park. Meine Schritte knirschen leise auf dem Kiesweg. Es fühlt sich irgendwie gut an. Ein gleichmäßiges Geräusch. Ich höre ihm zu. Komisch, ich habe das Gefühl, dass da ein ganz anderer läuft. Aber das bin ich. Kein anderer. Irgendwie stark. Ich muss an meinen Vater denken. Wir waren zusammen unterwegs. Vielleicht war es sogar dieser Park. Keine Ahnung. Jedenfalls war es auch ein Kiesweg. Er ging so entschieden vorwärts, als wüsste er ganz genau, wo es lang geht. Schritt für Schritt. Ich hab versucht, genau so große Schritte zu machen und bin immer wieder gestolpert.


 




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